Die Gitarre und der Daumen der linken Hand

Wie halte ich auf der Gitarre den Daumen der linken Hand? Manche Schüler fragen mich gleich am Anfang danach. Auf diese scheinbar einfache Frage gibt es viele gute Antworten. Ich persönlich achte darauf, was ich mit dem linken Daumen mache, bin mit seiner Position auf dem Gitarrenhals aber auch nicht dogmatisch. Die „richtige“ Haltung hängt nämlich von verschiedenen Faktoren ab.  Die Frage, was du — besonders als Anfänger — auf der Gitarre mit dem linken Daumen machst, werde ich daher im Folgenden genauer beantworten.

Die E-Gitarre verzeiht beim Daumen mehr

Zuerst einmal geht es darum, ob du gerade akustische oder elektrische Gitarre spielst. Die Unterschiede liegen in der Natur der jeweiligen Instrumente und entsprechen ihrer „Philosphie“. Hier sind einige Unterschiede im Vergleich. (Wenn ich von der Akustischen spreche, meine ich hier im Folgenden übrigens die Westerngitarre mit ihren Stahlsaiten.)

Elektrische Gitarren haben meist eine komfortablere Saitenlage; sie sind oft so eingestellt, dass sie schnelles Spielen ohne großen Kraftaufwand ermöglichen. Außerdem spielt man auf der Elektrischen gerne dünnere Saiten als auf einer Akustischen. Die E-Gitarre soll „singen“, dafür sind dünne Saiten gerade richtig. Außerdem will man hier im Solospiel die Saiten ziehen können (was mit .013er Stahlsaiten auf einer Westerngitarre so gut wie unmöglich ist).

Bei der Westerngitarre hingegen will man schon aus klanglichen Gründen möglichst starke Saiten spielen. Die Verstärkung fällt erst mal weg; man will daher einen vollen, „fetten“ Sound. Den wird man aber mit .009er Saiten kaum erreichen. Auch .010er Saiten sind hier Minimum, .012er Saiten die Regel. Das Resultat: auf der Westerngitarre braucht man einfach mehr Kraft. Der Daumen als „Gegenspieler“ zu den Greiffingern entscheidet aber über die Kraft, die du aufwenden kannst. Das bedeutet: da du auf der Westerngitarre Du mehr Kraft brauchst, musst du dort mehr auf deinen Daumen achten.

Was ich auf der 12-saitigen Gitarre in puncto Daumen gelernt habe

Ich habe in lezter Zeit sehr viel auf der 12-saitigen gespielt. Wie du Dir vorstellen kannst, erfordert es eine Menge Kraft, so viele Saiten zu bearbeiten. Hinzu kommt, dass der Hals breiter ist (es müssen ja mehr Saiten darauf Platz haben). Ich würde mal schätzen, dass man auf der 12-saitigen tatsächlich doppelt so viel Kraft in den Fingern braucht als auf einer sechssaitigen.

Auf der 12-saitigen musst du deshalb wirklich effektiv sein und deine Kraft optimal einsetzen. Dabei habe ich selber noch einmal vor Augen geführt bekommen, dass auch kleine Unterschiede in der Daumenhaltung darüber entscheiden, ob eine Saite frei schwingen kann oder ob sie abdämpfe, weil ich nicht fest genug greife. Das gilt natürlich besonders für Barrégriffe. Mit anderen Worten: Auf der 12-saitigen habe ich mit typischen Anfängerproblemen kämpfen müssen.

Das Resultat: die besten Ergebnisse erziele ich, wenn ich den Daumen gegenüber vom Mittelfinger positioniere, vielleicht noch ein bisschen in Richtung Ringfinger. So kann der Daumen nämlich optimal den vier anderen Fingern gegenarbeiten; Daumen und Finger bilden eine Art Klammer, die den Gitarrenhals fest umschließt. Mein Tipp für Anfänger ist daher, auf der Gitarre mit dem Daumen ebenso zu verfahren. Von oben sieht das ungefähr so aus (ich spiele einen F-Dur Akkord, im ersten Bund barré gegriffen):

Linke Greifhand und Daumen auf Gitarrenhals

Der Daumen auf der 12-saitigen Gitarre, von oben gesehen. Foto: © Peter Bachmann

Hier noch mal, quasi als „Beweisfoto“, der Hals der 12-saitigen von hinten fotografiert:

Gitarrenhals mit linker Greifhand, diesmal von hinten fotografiert

Ja, es ist wirklich die 12-saitige … Foto: © Peter Bachmann

Lasst und noch kurz bei den akustischen Stahlsaitengitarren bleiben und zur 6-saitigen Westerngitarre kommen. Von vorne betrachtet sieht das so aus (ich bin ebenfalls im ersten Bund, spiele aber diesmal keinen F, sondern einen Bbmaj7):

Hals einer akustischen Gitarre von vorne, der Daumen im Hintergrund.

Daumenhaltung auf der Westerngitarre. Foto: © Peter Bachmann

Wie du siehst, liegt auch hier der Daumen grob gesprochen gegenüber dem Mittelfinger, in diesem Fall irgendwo zwischen Mittel- und Ringfinger, um optimalen Krafteinsatz zu ermöglichen. Es sieht übrigens nur so aus, als würde der Zeigefinger beim Barré-Greifen über den Bund überstehen. In Wirklichkeit liegt er so nahe wie möglich daran, um auch dabei möglichst effektiv zu sein und Kraft zu sparen (darüber werde ich noch einen eigenen Blogartikel schreiben).

Und der Daumen auf der E-Gitarre?

Kommen wir zurück zur elektrischen Gitarre. Auf der Elektrischen ist es aus den Gründen, die ich oben beschrieben habe, naheliegend, dass man dort schnell mal „unorthodoxe“ Sachen macht, um mit mit dem Daumen die tiefe E-Saite zu greifen. Das ist ja spätestens seit Jimi Hendrix ein beliebter Trick. Darüber will ich mich hier aber gar nicht auslassen, weil es besonders für Anfänger eine eher spezielle Greif-Situation ist. Statt dessen habe ich noch mal Fotos vom E-Gitarrenhals gemacht, und zwar in verschiedenen Situationen:

Ein Gitarrenhals mit Greifhand, der Daumen liegt gegenüber vom Mittelfinger auf der Halsrückseite

Nicht nur auf der E-Gitarre: Der Daumen liegt dem Mittelfinger gegenüber. Foto © Peter Bachmann

Auf diesem Foto sieht man sehr gut, wie der Daumen dem Mitelfinger gegenüberliegt, eine Art Klammergriff bildet,  und so auch auf der „einfach“ zu spielenden E-Gitarre optimalen Kraftaufwand ermöglicht. Denn spätestens wenn hier Abzüge im Spiel sind und das über eine längere Zeit, wird eure linke Hand es euch danken (mir geht das jedenfalls so.)

Foto von linker Hand auf Gitarrenhals, im Hintergrund der Daumen

Beim Greifen eines typischen „Lagerfeuer“-Akkordes. © Peter Bachmann

Das obige Foto zeigt, wie beim Greifen eines Akkordes (in diesem Fall ein D-Dur) der Daumen ungefähr dem Mittelfinger gegenüber liegt (in diesem Fall ein bisschen mehr in Richtung Ringfinger). Der Daumen schaut hier etwas über den Gitarrenhals hinaus — er könnte auch auf dem Hals aufliegen, aber das ist tendenziell mehr A-Gitarre; auf der Elektrischen kann man wie oben beschrieben etwas nachlässiger sein.

Der Daumen beim Ziehen der Saiten

Und nun noch  ein paar Worte zu einem typischen E-Gitarren-Ding: dem „bending“, dem Saitenziehen. Es gibt unterschiedliche Meinungen darüber, wie dabei der Daumen auf dem Gitarrenhals liegen soll. Manche sagen, ohne einen Daumen, der weit über den Gitarrenhals herausschaut, könne man die zum Ziehen notwendige Kraft gar nicht entwickeln (was ich nicht finde).

Da aber ab dem 15. Bund der Hals dicker wird bzw. in den Korpus übergeht, ist spätestens dort eine „korrekte“ Daumenhaltung auf dem Hals gar nicht mehr möglich. Spätestens ganz oben ist es dann also angesagt, den Daumen „nachlässiger“ zu halten. Dies könnte übrigens der Grund sein, warum viele Rockgitarristen sowieso nicht so sehr auf eine „richtige“ Daumenhaltung achten: sie haben es sich beim Spielen auf der E-Gitarre wahrscheinlich einfach angewöhnt.

Gitarrenhals mit linker Greifhand, die die Saiten zieht, der Daumen ist schräg nach oben aufgerichtet

Beim Saitenziehen darf es schon mal nachlässiger zugehen: Der Daumen schaut weit über den Gitarrenhals hinaus. Foto © Peter Bachmann

Gitarrenhals mit linker Greifhand, die die Saiten zieht, der Daumen ist schräg nach oben aufgerichtet

Find ich besser: Der Daumen ist auch bei Bendings in eher vorbildicher Position. Foto © Peter Bachmann

 

Achte am besten von Anfang an auf den Daumen auf deinem Gitarrenhals

Und damit sind wir beim Fazit: vieles wird über lang zur Angewohnheit. Deswegen finde ich es wichtig, darauf zu achten, den Daumen so zu halten, dass auf dem gesamten Griffbrett sauberes Greifen ermöglicht, besonders bei Barré-Akkorden. Wie oben beschrieben, ist das meiner Meinung nach eine Lage, in der sich der Daumen auf dem Hals aufgelegt befindet, und zwar in etwa gegenüber dem Zeigefinger, eventuell auch noch ein bisschen in Richtung Zeigefinger. Das als Faustregel, denn wenn du viel über das Griffbrett „wanderst“, wirst Du feststellen, dass der Daumen manchmal auch seine Position verändert, abhängig vom Hals der Gitarre, die du spielst, und auch von der Musik, die du machst.

Zum Schluss möchte ich aber noch mal betonen: der Daumen sollte nicht schräg in Richtung Kopfplatte/Mechanik gehalten werden. Manche machen das am Anfang so, übersehen dabei aber: mit dieser Haltung verschwenden sie einfach Kraft. Kraft, die gerade am Anfang notwendig ist, um überhaupt sauber greifen zu können und deswegen unbedingt effizient eingesetzt werden sollte. Also, so nicht:

E-Gitarrenhals mit Greifhand und ungünstig eingesetztem Daumen

Diese Daumenhaltung ist alles andere als vorbildlich und höchstens für die E-Gitarre zu empfehlen.

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